Was Umfragen 50 Tage vor der Bundestagswahl aussagen

Am 26. September findet die Wahl zum 20. Deutschen Bundestag statt. Es sind also noch gut 50 Tage bis zur wichtigsten Wahl in der Bundesrepublik. Dass Umfragen noch lang keine Wahlergebnisse sind, haben zuletzt einige Landtagswahlen gezeigt, wie zum Beispiel die Wahl zum Landtag in Rheinland-Pfalz im Frühjahr 2021. Trotzdem orientieren sich Politik und Öffentlichkeit oft an Umfragewerten und nicht selten stellt sich eine gewisse Resignation ein. Dass sich bis zum Wahltag ein professionell und konsequent geführter Wahlkampf lohnt, zeigt ein Blick zurück auf die Umfragen zu den Bundestagswahlen 2005 bis 2017. Denn die Vorhersagen stimmen bei Weitem nicht immer mit den Wahlergebnissen überein.

Bundestagswahl 2005

Die Demoskopen legten ca. 50 Tage vor der Wahl zum 16. Bundestag am 18. September 2005 folgende Umfragewerte vor:

InstitutForsa
3.8.2005
Infratest
dimap
4.8.2005
Wahlergebnis
18.9.2005
CDU / CSU45 %42 %35,2 %
SPD26 %29 %34,2 %
GRÜNE7 %8 %8,1 %
FDP7 %6 %8 %
LINKE.PDS12 %11 %9 %
Quelle: wahlrecht.de

Die SPD schaffte in den letzten Wochen vor der Wahl eine beachtliche Aufholjagd, die Union büßte deutlich ein. Grüne und FDP wurden leicht unterschätzt, die Linken lagen in den Umfragen 2 – 3 Punkte höher.

Bundestagswahl 2009

Anfang August 2009 stellten sich die Umfragewerte wie folgt dar. Die Bundestagswahl war am 27. September.

InstitutForsa
31.7.2009
Infratest
dimap
6.8.2009
Wahlergebnis
27.9.2009
CDU / CSU37 %35 %33,8 %
SPD20 %23 %23 %
GRÜNE13 %13 %10,7 %
FDP14 %16 %14,6 %
LINKE11 %10 %11,9 %
PIRATEN 2 %
Quelle: wahlrecht.de

Die Union verlor gegenüber den Umfragewerten ca. 50 Tage vor der Bundestagswahl einige Prozentpunkte, die SPD hingegen konnte ungefähr die gleiche Anzahl noch für sich gewinnen. Die Grünen wurden wurden etwas überschätzt. Die Werte für FDP und LINKE lagen nah am Wahlergebnis.

Bundestagswahl 2013

Am 22. September 2013 fand die Wahl zum 18. Deutschen Bundestag statt.

InstitutForsa
31.7.2013
Infratest
dimap
1.8.2013
Wahlergebnis
22.9.2013
CDU / CSU41 %42 %41,5 %
SPD22 %26 %25,7 %
GRÜNE13 %13 %8,4 %
FDP5 %5 %4,8 %
LINKE8 %7 %8,6 %
PIRATEN3 %2,2 %
AfD2 %4,7 %
Quelle: wahlrecht.de

Die Demoskopen konnten das Ergebnis für die Union ziemlich genau vorhersagen. Ebenso schaffte es Infratest dimap, für die Sozialdemokraten ein fast mit dem späteren Wahlergebnis übereinstimmendes Meinungsbild einzufangen. Die Grünen wurden deutlich überschätzt, ebenso lag die FDP noch einige Wochen vor der Wahl bei stabilen fünf Prozent, verpasste letztendlich den Einzug in den Bundestag knapp. Die Linken sowie die AfD wurden im Vorfeld der Wahl unterschätzt.

Bundestagswahl 2017

Die Wahl zum 19. Deutschen Bundestag fand am 24. September 2017 statt.

InstitutForsa
2.8.2017
Infratest
dimap
9.8.2017
Wahlergebnis
24.9.2017
CDU / CSU40 %39 %32,9 %
SPD22 %24 %20,5 %
GRÜNE8 %8 %8,9%
FDP8 %8 %10,7 %
LINKE8 %9 %9,2 %
AfD8 %8 %12,6 %
Quelle: wahlrecht.de

Deutliche Verluste mussten CDU / CSU hinnehmen, von fast 40 auf 32,9 Prozent ging es in wenigen Wochen abwärts. Auch die SPD verlor in den letzten Wochen einige Prozentpunkte. Grüne, FDP, LINKE und AfD wurden unterschätzt, wobei die AfD im Schlussspurt am stärksten zulegen konnte.

Fazit

LINKE und AfD wurden fast immer unterschätzt, allein im Jahr 2005 lag die damalige PDS in den Umfragewerten etwas höher als über dem anschließenden Wahlergebnis. Die Grünen wurden 2009 und 2013 deutlich über-, in 2005 und 2017 leicht unterschätzt. In drei von vier Umfragen wurden die Werte für die Union zum Teil deutlich zu hoch eingeschätzt. Ein gemischtes Bild zeigt sich bei SPD und FDP. Zuletzt mussten die Sozialdemokraten gegenüber den Umfragewerten 50 Tage vor der Wahl am Wahltag einige Prozentpunkte einbüßen, die FDP konnte sich über Zugewinne freuen.

Rund 50 Tage vor der nächsten Bundestagswahl am 26. September 2021 stellen sich die Umfragewerte wie folgt dar.

InstitutForsa
3.8.2021
Infratest
dimap
5.8.2021
CDU / CSU26 %27 %
SPD16 %18 %
GRÜNE20 %19 %
FDP13 %12 %
LINKE6 %6 %
AfD10 %10 %
Quelle: wahlrecht.de

Mit Blick auf die absehbare hohe Briefwahlbeteiligung wird es spannend, wie nah die Umfragen der Demoskopen am Ergebnis liegen werden. Die SPD konnte in der aktuellsten August-Umfrage von Infratest dimap erstmals seit Mai 2021 wieder 18 Prozent erreichen. CDU und Grüne befinden sich seit Wochen im Abwärts-, die FDP im Aufwärtstrend. Linke und AfD pendeln stabil um 6 – 7 bzw. 10 Prozent. Sollten sich diese Trends bis zum Start der Briefwahl Mitte August und darüber hinaus in den nächsten 50 Tagen fortsetzen, könnte es am 26. September zu einer faustdicken Überraschung kommen und der nächste Kanzler Olaf Scholz heißen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik tritt keine amtierende Kanzlerin oder kein amtierender Kanzler an. Annalena Baerbock und Armin Laschet haben gegenüber Olaf Scholz einen großen Nachteil: Sie sind neu auf der bundespolitischen Bühne. Dagegen war Scholz nicht nur zweimal erster Bürgermeister von Hamburg, sondern auch zweimal Bundesminister und ist aktuell Vizekanzler. In Krisenzeiten könnte das ein entscheidender Faktor sein: Bei Scholz wissen viele Wählerinnen und Wähler, wen und was sie bekommen. Das zeigen auch die aktuellen Werte bei der Direktwahl-Frage. Könnte das Kanzleramt direkt gewählt werden, läge Scholz mit 35 Prozentpunkten deutlich vor Laschet (20 %) und Baerbock (16 %).